Fachberatung für das
infans – Konzept der Frühpädagogik

Ein Interview mit Christina Oeschger

Bildungsreferentin bei der Fachberatung für Katholische Kindertagesstätten
(Caritas für Stuttgart e.V.), Diplom-Sozialpädagogin

Interviewerin: Karin Ehinger-Dossow
Zertifizierte infans-Multiplikatorin

Sie sind in einem Team von Fachberatungen bei einem großen Träger angestellt. Wie ist Ihr Aufgabenfeld in Bezug auf Ihren Auftrag als Fachberaterin für das infans – Konzept der Frühpädagogik?

Wir bei der Fachberatung für Katholische Kindertagesstätten in Stuttgart arbeiten in einem multiprofessionellen Team und haben unterschiedliche Schwerpunkte in der Begleitung und Beratung der Kitas. Es gibt Kolleginnen, die als Fachberaterinnen die generalisierten Ansprechpartnerinnen für die Leitungen sind. Das heißt sie beraten von A bis Z, von „Ausbau“ bis zu einer „zugewandten Haltung“. Die Bildungsreferentinnen in unserem Team befassen sich als Spezialistinnen tiefgehend und facettenreich mit pädagogischen Themen.
In meiner Arbeit als Bildungsreferentin befasse ich mich ausschließlich mit dem Bildungskonzept infans. Dies umfasst die individuelle fachliche Begleitung und Beratung der Kitas, die trägerübergreifende Fortbildungsplanung und -durchführung, die Vorbereitung und Durchführung von Prozessen in den Einrichtungen, die Anregung von fachlichem Austausch und die Qualitätssicherung in den Kitas. Zukunftsorientiertes Arbeiten mit Visionen, Zielen und langfristigen Jahresplanungen wechseln sich mit kurzfristigen, drängenden Anfragen aus den Einrichtungen ab und werden ergänzt durch eine stetige fachliche Weiterentwicklung. In meinem Job als Bildungsreferentin wird es also nie langweilig.

Für wie viele Einrichtungen sind Sie als Fachberaterin zuständig?

Ich bin als Bildungsreferentin für alle Einrichtungen der Katholischen Träger in Stuttgart zuständig, die nach dem infans – Konzept arbeiten. Das sind aktuell 55 Einrichtungen. 

Welche Themen und Herausforderungen beschäftigen Sie aktuell in Ihrem Fachberatungsteam und welche Rolle spielt das infans – Konzept dabei?

Neben den dauerhaften Themen wie beispielsweise der Qualitätssicherung in den Kitas beschäftigen wir uns aktuell vor allem mit der fundierten Implementierung des weiterentwickelten Orientierungsplanes in den Einrichtungen, der Neustrukturierung und Überarbeitung unseres Qualitätshandbuches, der nachhaltigen Qualitätsentwicklung durch die in den letzten Jahren eingeführten Schutzkonzepte und der Umsetzung der Bildungskonzepte in diesen herausfordernden Zeiten. Von den Einrichtungen aus erreichen uns verstärkt Anfragen zu den Themen Kommunikationsstrukturen in den Teams selber, Sprache auf allen Ebenen (Ebene Kinder, Familien, Fachkräfte) oder auch zu herausforderndem Verhalten von Kindern. Durch die aktuelle stadtpolitische Situation in Stuttgart ist zudem die absolut zentrale Fragestellung:
Wie kann die bisherige Qualität erhalten bleiben, wenn die Ressourcen so massiv gekürzt werden?

Wie verknüpfen Sie in Ihrer Fachberatungstätigkeit die Inhalte und Aufgaben des neuen Orientierungsplans für Bildung und Erziehung in Baden-Württemberg mit dem infans – Konzept der Frühpädagogik?

Nach wie vor bildet der Orientierungsplan die Grundlage für jegliches pädagogisches Handeln in der Kita. Die Weiterentwicklung des Orientierungsplanes in Baden-Württemberg (WeOP) ergänzt Altbewährtes um die Entwicklungsfelder „Ästhetische Bildung“ und „Medienbildung“. Durch die Einführung der Leitprinzipien (Kinderschutz und Kinderrechte, Inklusion, Partizipation, Bildung für
nachhaltige Entwicklung) wird gewährleistet, dass diese in allen Bereichen und Entwicklungsfeldern mitgedacht und beachtet werden. Die in Stuttgart praktizierten Bildungskonzepte (infans und der Early Excellence Ansatz) zielen darauf ab, den Fachkräften zur Erfüllung der grundlegenden Anforderungen des Orientierungsplanes Arbeitshilfen an die Hand zu geben und dem Kind in seiner (Bildungs-)Entwicklung nah zu sein. Insofern verknüpfen wir tagtäglich in den individuellen Begleitungen der Kitas den Orientierungsplan mit den Bildungskonzepten. Zudem führen wir im Fachberatungsteam fast alle Fortbildungen zum WeOP und den Bildungskonzepten selber durch, so dass wir uns innerhalb des Kollegiums gut über die Inhalte und Überschneidungen austauschen und abstimmen können. Allein durch die gezielten Querverweise in den Qualifizierungs-angeboten wird deutlich, dass die Bildungskonzepte Teil des Orientierungsplanes sind und nicht „zusätzlich bearbeitet werden müssen“.  

Welche Angebote stellen Sie den Kitaleitungen und Teams zur Verfügung? 

Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, den Leitungen und Teams passgenaue Angebote zu machen, die ihnen in ihrem Kita-Alltag weiterhelfen. Diese können sehr unterschiedlich aussehen: beispielsweise Prozessbegleitungen über einen längeren Zeitraum, das Vorbereiten und Durchführen von einzelnen pädagogischen Tagen in den Einrichtungen, Grundlagen-Fortbildungen für (neue) Mitarbeiter:innen oder auch individuelle Beratungen der Leitungen sowie Austauschtreffen zu bestimmten Themen.
Die Vernetzung der Einrichtungen untereinander ist mir ebenfalls ein Anliegen, um sich gegenseitig Unterstützung oder Austausch zu bieten. 

Welches sind aktuell Ihre Arbeitsschwerpunkte mit den Einrichtungen?

Die Themen, zu denen ich angefragt werde, sind wie die Einrichtungen auch sehr individuell. Grob lassen sie sich in folgende Schwerpunkte einteilen: die Erarbeitung von Erziehungszielen und den damit verbundenen fachlichen Austausch im Team, die konkrete Arbeit mit den Arbeitshilfen (vor allem im Bereich der Bildungsbeobachtung) und das Kennenlernen der 4 Varianten („infans in schwierigen Zeiten“). 

Wie gelingt es Ihnen, Leitungen und Teams passgenaue Angebote zu machen?

Es ist sehr wichtig, dass ich mir bereits im Vorfeld zu z.B. einem pädagogischen Tag viel Zeit nehme, um mit der Leitung/dem Team ins Gespräch zu gehen. Oft ist es ein Prozess, bis wir gemeinsam erarbeitet haben, welche Art der Unterstützung sinnvoll ist und welche Themen individuell im Vordergrund stehen. Diese sind häufig nicht nur ausschließlich auf das Bildungskonzept infans bezogen. Durch einen ganzheitlichen Blick und das breit aufgestellte Fachwissen unserer Fachberatung ist es uns in der Regel gut möglich, auch anknüpfende Themen in den Kitas aufzugreifen und eng vernetzt zu beantworten.  

Wie erleben Sie die Motivation von Leitungen und Teams in Bezug auf die Umsetzung des infans – Konzepts?

Die Umsetzung in den Kitas ist so individuell wie die Teams selbst: Sie reicht von langjähriger Routine und Erfahrung bis hin zu bewussten Phasen der Konsolidierung und fachlichen Erneuerung. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Motivation, nach infans zu arbeiten, oft erst mit dem tiefen Eintauchen ins Konzept stärker wird. Es existieren viele Vorurteile bezüglich Anspruch, Fülle und Komplexität und so ist es speziell meine Aufgabe, den Teams die Tür zum Konzept und seinen Arbeitshilfen zu öffnen und es im Alltag erlebbar zu machen.

Welche Herausforderungen haben Leitungen aus Ihrer Sicht aktuell zu bewältigen?

Es fällt mir schwer, hier eine gute Antwort zu geben, da die Herausforderungen für die Leitungen gefühlt täglich zunehmen und ich gar nicht alle hier abbilden kann. So versuche ich, Schwerpunkte aufzuzählen. Die Leitungen in unseren Einrichtungen haben mit Herausforderungen auf personeller Ebene wie Fluktuation von Fachkräften, heterogenen Teams, Personalmangel oder auch der häufigen Einarbeitung neuer Mitarbeiter:innen zu kämpfen. Zusätzlich passiert gerade auf politischer Ebene sehr viel, womit sich der Druck auf und die Anforderungen an Leitungen erhöhen. Der demografische Wandel sowie die finanzielle Schieflage in Stuttgart sind hier deutlich spürbar. Auf der pädagogisch inhaltlichen Ebene beschäftigen sich die Leitungen mit großen Thematiken wie dem Gewaltschutzkonzept, dem weiterentwickelten Orientierungsplan, den Leitprinzipien Partizipation und Inklusion sowie der Ausarbeitung des eigenen Profils ihrer jeweiligen Einrichtung. 

Wodurch sind Fachkräfte aus Ihrer Sicht aktuell am meisten herausgefordert?

Auch bei den Fachkräften sind vielerlei Herausforderungen spürbar und werden in den Begleitungen der Einrichtungen immer wieder benannt. Dazu gehören vor allem die Arbeit mit Kindern mit herausforderndem Verhalten, die Arbeit mit „DaZ“-Eltern (Deutsch als Zweitsprache), die bedürfnisorientierte Gestaltung des Tagesablaufs und die Umsetzung/Auswertung von
Bildungsbeobachtungen in einem vollgepackten Alltag. Außerdem bemerke ich, dass es unter den Fachkräften immer häufiger zu Diskussionen und Austausch rund um die Fragestellung „Was ist eigentlich Erziehung?“ kommt. Diese rückt wieder mehr in den Fokus und wird teilweise sehr kontrovers diskutiert.

Was sind aus Ihrer Sicht Quellen von Energie und Motivation in den Teams?
Welche Bedeutung hat
in diesem Bereich die Arbeit mit dem infans – Handlungskonzept?

Die Teams sind vielfältigen Herausforderungen ausgesetzt, da sind Stress, Überforderung und Grenzerfahrungen an der Tagesordnung. Um hier nicht „unterzugehen“ ist es meiner Meinung nach elementar, dass die Fachkräfte in ihrer Arbeit und in ihrer Person gesehen werden und Wertschätzung erfahren. Auch zu realisieren, dass die eigene Arbeit sinnstiftend und zukunftsweisend ist, gibt Energie und Motivation. Da unterstützt das infans – Konzept dahingehend, dass es viele Elemente enthält, die für innere und äußere Struktur sorgen. Durch die Nähe zum Kind, die durch die Arbeit nach dem infans – Handlungskonzept entsteht, bekommen die Fachkräfte eine unmittelbare Rückmeldung zu ihrem pädagogischen Handeln und sehen, dass sie einen unglaublich wichtigen Beitrag leisten.

Wie würden Sie den Mehrwert der Arbeit mit dem infans – Konzepts für die Entwicklung von guter pädagogischer Qualität in den Einrichtungen, für die Sie zuständig sind, beschreiben?

Ich erlebe, dass viele pädagogische Fachkräfte die Strukturiertheit des infans – Konzeptes schätzen. Es gibt ihnen Halt und Orientierung, so dass sie selbst besser einschätzen können, was pädagogische Qualität alles beinhaltet und worauf sie im Alltag achten müssen. Auch und besonders die Leitungen haben durch das infans – Konzept eine Handreichung, wie sie mit ihren Teams qualitativ hochwertig arbeiten können. 
Die konkrete Arbeit mit den Arbeitshilfen des infans – Konzeptes oder auch die Arbeit an gemeinsamen Erziehungszielen fördern den fachlichen Austausch zwischen den Teammitgliedern, lassen sie zusammenwachsen und sich als Einheit mit einer gemeinsamen pädagogischen Haltung verstehen. Das ist meiner Meinung nach eine wesentliche Schlüsselkompetenz für qualitativ hochwertige Arbeit.

Was hat Sie in Ihrer Arbeit mit Kitaleitungen und Teams in letzter Zeit am meisten überrascht?

Trotz der massiven Fülle an Heraus- und Anforderungen erlebe ich in einigen Teams eine Art „innere Ruhe“. Vielleicht zeigt sich gerade in diesen stürmischen Zeiten, dass die Fokussierung auf die absoluten Basics, also die konkrete Arbeit mit den Kindern, Halt gibt.   

Wobei geht Ihnen das Herz auf, wenn Sie mit Teams zusammenarbeiten?

Der Erzieher:innenberuf ist meiner Meinung nach einer der schönsten überhaupt, allerdings auch einer der herausforderndsten. Die Fachkräfte sind mit ihrer ganzen Persönlichkeit, mit all ihren Lebenserfahrungen im Kontakt mit den Kindern, sie begleiten und prägen nachhaltig die Entwicklung der Kinder. Mir geht das Herz auf, wenn die Fachkräfte die Kinder in ihrer gesamten Individualität wahrnehmen und ihnen achtsam begegnen. Oft entstehen diese Momente nochmal verstärkt bei der reflektierten Auswertung einer Bildungsbeobachtung.

Über welche Themen würden Sie sich gerne trägerübergreifend mit Fachberatungskolleg:innen austauschen?

Da wir in Stuttgart schon immer gut vernetzt sind und regelmäßige Arbeitszirkel mit u.a. der Stadt Stuttgart, dem Evangelischen und dem Katholischen Landesverband Kita und auch den freien Trägern stattfinden, werden viele Themen bereits trägerübergreifend besprochen, bearbeitet und abgestimmt (wie beispielsweise der WeOP, Qualität in der Kita oder SprachFit). Diese Gesprächsrunden sind sehr gewinnbringend für unsere alltägliche Arbeit und wir sind froh, dass uns die Strukturen in Stuttgart „kurze Wege“ ermöglichen.

Vielen Dank für die Einblicke in Ihre Arbeit und die Beantwortung der Fragen.

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